Foto: Johanna Reich

DREI FRAGEN AN: Johanna Reich, Künstlerin und neue Dozentin bei »einszueins«

am 07. Februar 2017 | von UND | mit Keine Kommentare

In unserer neuen Reihe »DREI FRAGEN AN« stellen wir im Interview Künstler/innen und Dozierende vor. Den Anfang macht Johanna Reich, die gemeinsam mit Stefan Silies im Sommersemester 2017 erstmals das Seminar „Analoge Selfies“ anbietet.

Bevor in Köln in diesem Jahr die Litfaßsäulen in der ganzen Stadt durch beleuchtete „City-Lights-Säulen“ ersetzt werden, zeigte die Künstlerin im Rahmen des Projektes „Kunst an Kölner Litfaßsäulen“ der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM) einige ihrer Arbeiten. Auf den Fotografien sind die Abbilder weiblicher Ikonen zu sehen, Coco Chanel, Marilyn Monroe, Angelina Jolie – projiziert auf die Gesichter junger Frauen [1].

Was zeigen Deine Porträts, sind sie Abbilder der „erträumten“ Identitäten der Porträtierten, Zuschreibungen des Betrachtenden oder bloße Inszenierung?

Die Portraits sind eine Mischung aus allen erwähnten Faktoren, aber vor allem auch eine direkte und sogar körperliche Kommunikation mit dem Bild. Die von den Mädchen ausgewählten Ikonenbilder werden nicht per Photoshop mit den Gesichtern der Teilnehmerinnen verschmolzen, sondern per Videoprojektor auf sie projiziert. In diesem Prozess geschieht eine Zwiesprache von Porträtierten und Ikone: Jedes Mädchen muss sich fragen, wieviel sie von sich zeigt, welche Haltung sie einnimmt und wieviel Raum sie dem Bild lässt. Im Laufe des Schaffensprozesses verändern sich die Parameter, die Inszenierung wird zu einer Performance, die idealisierten Persönlichkeiten dürfen durchaus auch von ihrem Sockel gehoben werden.

In Deinen Arbeiten stellst Du die digitalen Bildwelten den „klassischen“ Künsten wie Malerei und Fotografie gegenüber. Im gemeinsamen Seminar mit Stefan Silies „Analoge Selfies“, das in diesem Semester zum ersten Mal stattfindet (am 20.-21. Mai 2017), werft Ihr ein Blick zurück in die Bild-Geschichte. Was reizt Dich an dieser Gegenüberstellung von Alt und Neu, Digital und Analog und wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Stefan?

Das „Internet of things“, das Smartphone, die konstante Vernetzung – die Digitalisierung verändert unser Leben auf allen Ebenen. Unser Alltag wird immer immaterieller. Dieser rasante Wandel lässt sich teilweise überhaupt nicht mehr fassen und nachvollziehen. Deshalb finde ich es wichtig, zurück in die Vergangenheit zu schauen und das Jetzt mit dem Damals zu verknüpfen: Um zu verstehen, wie Bilder überhaupt entstehen und zu erforschen, was Licht, Dunkelheit und eine selbst gebaute Kamera erschaffen können. Das schärft den Blick und mit einem neuen Blick auf unsere digitalisierte Alltagswelt zu schauen. Im Umgang mit einer Lochkamera muss man sehr konzentriert und vor allem mit dem Mut zur Langsamkeit arbeiten. Licht, Bild, Ort müssen genau ausgesucht werden, bei bewölktem Himmel muss der Portraitierte auch schon mal 5-10 Minuten stillsitzen. Ein einziges Bild ist hart erkämpft, vergleicht man es mit dem Sekundenschnellen Selfie des Smartphones. Aber man lernt während dieses Prozesses das Sehen. Macht man hinterher wieder ein Selfie, überträgt sich der intensive Blick auf das Bildermachen.
Stefan habe ich schon währende meines Studiums an der Kunstakademie Münster kennen gelernt. Er hat sich damals schon sehr intensiv mit dem Prinzip der Lochkamera beschäftigt. Einen gläsernen Ausstellungsraum, den Wewerka Pavillon in Münster, hat Stefan bis auf winzige Löcher vollständig abgedunkelt und so zu eine riesigen Camera Obscura werden lassen. Ich denke, Stefan ist so wie ich ein Technik-Nerd, den es reizt, die analoge Thematik der Camera Obscura mit den aktuellen Möglichkeiten des Bildermachens zu verbinden.

Was zeichnet aus Deiner Sicht das Weiterbildungsangebot der »einszueins« Seminaren aus und was motiviert Dich, daran mitzuwirken?

Ich glaube, dass die »einzueins« Seminare ein extrem wichtiges Moment anbieten: das des intrinsisch geprägten Lernens. Sie sind losgelöst von einem „festgelegten“ Prüfungskanon und bieten den Studierenden ein freies Angebot, das aus ebenfalls freier Motivation heraus gewählt werden kann. Wenn ich an meine Studienzeit zurückdenke, sind für mich vor allem die freien Inhalte, die ich aus eigener Initiative gewählt habe, sehr prägend gewesen. Oft waren solche Angebote durchaus mager besucht – da sie natürlich freiwillig waren. Die Künstlerin und Filmemacherin Corinna Schnitt kam z.B. für ein Seminar an die Kunstakademie. Neben theoretischem Inhalt zur Experimentalfilmgeschichte bot sie uns wunderbare kleine Übungen zum experimentellen Filmemachen an. So erzählten wir z.B. spontan zu vergilbten uns unbekannten schwarz-weiß-Fotografien eine Geschichte, die zeitgleich aufgenommen wurde. Kleine Experimente wie dieses eröffneten uns beiläufig und spielerisch eine neue Perspektive und förderten die Möglichkeit intuitiv und spontan, frei von Beurteilungen und ohne „die Angst vor dem weißen Blatt“ in einen künstlerischen Prozess zu treten. Das ist etwas Kostbares und ich hoffe, so ein Stückchen Freiheit und Eintauchen in eine neue Perspektive zu ermöglichen.

 

Wir freuen uns mit Johanna Reich über die Auszeichnung der Künstlerin mit dem Frauenkulturpreis 2017, der alle zwei Jahre vom Landesverband Rheinland verliehen wird und der gezielt das künstlerische Schaffen von Frauen hervorheben soll [2].

 

Weitere Infos zum Projekt „Heroines“:
http://johannareich.com/portfolio/heroines-cologne

[1] Johanna Reich im Interview bei WDR 5 Scala (18.01.2017):
www.wdr.de/wdr5-scala/frauenkulturpreis-an-johanna-reich.html

[2] Pressemitteilung des Landschaftsverband Rheinland (LVR) vom 13.01.2017:
www.lifepr.de/lvr-landesmuseum-bonn/Der-Frauenkulturpreis-geht-an-Johanna-Reich

 

Nächstes Seminar Analoge Selfies am 20.-21. Mai 2017 in Köln

 

Autoren

Franziska Spelleken

Franziska Spelleken ist seit Januar 2016 bei der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft im Bereich Kommunikation tätig. Nach einem Studium der Germanistik und Philosophie in Köln war sie bei verschiedenen Verlag in Hamburg, Paderborn und Berlin.

Johanna Reich

Johanna Reich arbeitet nach Arbeitsaufenthalten in den USA, Luxemburg, Island, Rumänien und Spanien als freischaffende Künstlerin in Köln. Lehraufträge u.A. an der Hochschule Düsseldorf, der Universität Paderborn und der Kunstakademie Münster; Leiterin von generationsübergreifenden Seminaren und Workshops im Bereich Neue Medien, Fotografie und Kunst.

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