DREI FRAGEN AN: Judith Ganz freischaffende Künstlerin, Kuratorin und Dozentin bei »einszueins«

am 24. Oktober 2017 | von UND | mit Keine Kommentare

In der Reihe »DREI FRAGEN AN« stellen wir im Interview Künstler/innen und Dozierende vor. Heute sprechen wir mit Judith Ganz. Als Teil des Projekts Thru Contemporary Arts stellt sie derzeit gemeinsam mit anderen internationalen Künstler/innen im Format BOXOUT in Frankfurt aus.

Judith, in Deinen Arbeiten beschäftigst Du Dich mit Wirklichkeit und Utopie, mit Natur und Philosophie. Was fasziniert Dich an diesen Themen und wie stellt man das malerisch dar?

In meiner Malerei nutze ich gern großformatige Leinwände. Die Bilder können dabei auch schon mal „über den Rand hinaus“ gehen. Dabei werden Räume geschaffen, die der Betrachtende „begehen“, in die er „eintauchen“ kann. Diese Räume projizieren ein Innen und Außen, sie machen verschiedene Dimensionen und Ebenen auf, die irritieren und bekanntes in Frage stellen. Wir leben in einer sehr visuell geprägten Welt. Meine Bilder zeigen Welten und Räume, die zwar existieren, die man aber nicht sieht. Wie zum Beispiel in der molekularen Biologie, im menschlichen Körper oder im Universum. Was umgibt mich eigentlich? Was ist Leben – was ist Tod? Was passiert in unserer Welt? Wie kann etwas gleichzeitig Schön und Erschreckend und Grausam sein? Diese Fragen beschäftigen mich.

Bei »einszueins« hast Du die Seminare „Draw and Copy“ und „Ich zeichne mir die Welt“ angeboten. Welche Themen aus Deiner eigenen Arbeit nimmst Du mit in die Seminare und was macht das Weiterbildungsangebot der »einszueins« Seminaren aus Deiner Sicht besonders?

Meine eigene Kunst und die Seminare – das sind natürlich zwei unterschiedliche Dinge. Was ich bei einszueins sehr schätze, das ist die oft sehr heterogene Gruppe an Teilnehmenden, die meist sehr unterschiedliche Erfahrungen und Zugänge zur Kunst mitbringt. Mir geht es vor allem darum, den Teilnehmenden einen offenen Blick und Perspektivwechsel zu vermitteln und sie zu befähigen, visuelle Erfahrung in Bildsprache umzusetzen. So wie es in einem Zitat von Francis Picabia heißt: „Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.“ Zum Seminareinstieg zeige ich Beispiele aus 20.000 Jahren Geschichte der Zeichnung – von der Höhlenmalerei über die Antike bis zur Pop Art. Dabei geht es darum zu reflektieren: Was ist alles möglich? Wie nutze ich zeichnerisches Handwerkszeug, wie stelle ich Perspektive und Ebenen dar? Und wie setze ich technisch um, was ich gern darstellen möchte? In verschiedenen Methoden setzen wir das dann spielerisch um, zum Beispiel mit dem „auf dem Kopf zeichnen“ von Betty Edwards oder einer Art Wettbewerb, bei dem wir in 15, 10 und dann 5 Minuten eine Landschaft skizzieren. Durch den Zeitdruck entstehen dann Variationen in Strichstärke und Abstraktion. Auch das Blindzeichnen, bei dem man zeichnet was man sieht, ohne dabei auf das Papier zu gucken führt dazu, sich auf das genaue Betrachten zu konzentrieren. So entstehen schöne und oft auch lustige Zeichnungen, da wird dann auch mal gemeinsam gelacht. Besonders ist auch die Atmosphäre in den Seminaren – einszueins bietet den Studierenden und Teilnehmenden Raum und Zeit, sich ganz auf die ästhetische Erfahrung einzulassen und diese zu reflektieren.

Neben Deiner Arbeit als Malerin und Dozentin bei einszueins kuratierst und organisierst Du auch in dem Projekt Thru Contemporary Arts. Worum geht es in diesem Projekt?

Gemeinsam mit einem Studienfreund habe ich das Projekt ins Leben gerufen, dessen Ziel es war eine Sammlung zeitgenössischer Kunst mit internationalen Künstler/innen aus Trinidad und Tobago aufzubauen, die in Schwellenländern gezeigt werden sollten (http://www.getthru.org/). In diesen Ländern wird zeitgenössische Kunst und der Kunstmarkt kaum gefördert, die Künstler/innen sind auf dem internationalen Kunstmarkt bisher kaum bekannt. Das Netzwerk soll außerdem eine Plattform zum Austausch bieten – wir organisieren Lectures, Workshops und Ausstellungen. Im Format „BOXOUT“ entstand vor einigen Jahren ein einzigartiges Ausstellungsformat: Mit der Hilfe von 25 Künstler/innen, die uns dafür ihre Arbeiten spendeten. Vom Erlös der verkauften Werke gehen nun 50% an den Verein und 50% an die Künstler/innen. Das Geld wird vom Verein wieder in Transporte und Ausstellungen investiert. So konnten schon Ausstellungen realisiert werden in Köln (Quartier am Hafen, Ausstellungsraum), in Trinidad und Tobago (Art Society), USA (Frederiksted, St. Croix – The Caribbean Museum Center for the Arts) und Paris (Galerie 59 Rivoli).

In diesem Jahr findet eine Ausstellung mit 54 Künstler/innen unter dem Titel „Movement“ in Frankfurt statt. Die Gruppenausstellungen im Kunstverein Familie Montez (http://kvfm.de/) und die parallel laufende Soloshow von Serge Game im ATELIERFRANKFURT (http://atelierfrankfurt.de/serge-game-rituals-reliquaries/) können noch bis zum 12. November besuchen werden.

Autoren

Judith Ganz

Judith Ganz Freischaffende Künstlerin und Leiterin von Seminaren und Workshops im Bereich experimentelle Malerei und Zeichnung

Franziska Spelleken

Franziska Spelleken ist seit Januar 2016 bei der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft im Bereich Kommunikation tätig. Nach einem Studium der Germanistik und Philosophie in Köln war sie bei verschiedenen Verlag in Hamburg, Paderborn und Berlin.

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